Demokratie braucht Inklusion
Zugänge zu Beteiligungsprozessen für Menschen mit Behinderungen am Beispiel Inklusives Wien 2030
Von Jutta Rozinski und Ivana Veznikova, Fonds Soziales Wien
Demokratie lebt davon, dass Menschen sich einbringen können. Doch nur ein Teil der Bevölkerung kennt entsprechende Beteiligungsangebote – oder nutzt sie. Eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer Wien zeigt: Die Politikverdrossenheit wächst und viele Menschen glauben nicht mehr daran, mit ihrer Beteiligung etwas bewirken zu können.
Besonders stark vom Ausschluss betroffen sind nach wie vor Menschen mit Behinderungen.
Dabei liegt das selten an fehlendem Interesse oder mangelnder Motivation. Viel häufiger scheitert es an Rahmenbedingungen, die ihre Beteiligung erschweren oder gar verhindern.
In vielen Fällen fehlen grundlegende Informationen zur Barrierefreiheit eines Angebots: Ist der Veranstaltungsort für Menschen mit Gehbehinderungen oder Rollstuhlnutzer*innen zugänglich? Gibt es Unterlagen in einfacher Sprache? Wird eine Induktionsschleife oder ein Dolmetsch in österreichischer Gebärdensprache angeboten?
Gerade weil es oft nicht möglich ist, 100-prozentige Barrierefreiheit herzustellen, ist es umso wichtiger, Barrieren von Anfang an mitzudenken – und transparent zu machen. Das sendet eine klare Botschaft: Eure Perspektive ist wichtig und willkommen.
Wenn Menschen mit Behinderungen nicht mitreden können, fehlen ihre Erfahrungen in politischen Prozessen. Dabei wissen gerade sie oft sehr genau, wo es Veränderung braucht, weil sie im Alltag mit ganz unterschiedlichen Hürden konfrontiert sind. Und: Es geht dabei eben nicht nur um behindertenpolitische Themen. Vielmehr muss Beteiligung für alle möglich sein, unabhängig vom Inhalt oder Thema eines Prozesses.
Inklusives Wien 2030: Ein Beteiligungsprozess mit verschiedenen Formaten
Mit dem Programm Inklusives Wien 2030 hat die Stadt Wien 2022 einen breit angelegten Beteiligungsprozess gestartet. Gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen, Organisationen, Stakeholder*innen und Expert*innen wurden Ideen gesammelt und konkrete Maßnahmen erarbeitet, um Inklusion in Wien voranzutreiben.
Ziel war, Rahmenbedingungen zu schaffen, die allen Menschen eine Teilnahme ermöglichen – besonders auch Menschen mit Behinderungen.
Viele Wege zum Mitmachen: Die Beteiligungsformate
Von Anfang an war klar: Beteiligung muss auf vielfältige Weise möglich sein – online, bei Veranstaltungen und in Einrichtungen – um unterschiedliche Bedürfnisse zu berücksichtigen. Deshalb wurden verschiedene Formate entwickelt:
-
Die Website
Über die barrierefrei gestaltete Website von Inklusives Wien 2030 konnten Menschen Vorschläge, Anliegen und Erfahrungen zu den zwölf Themen des Programms einbringen. -
Der Beteiligungskoffer
Mehr als 300 Einrichtungen der Behindertenhilfe bekamen einen Beteiligungskoffer: Eine Sammlung aus Arbeitsmaterialien und Anleitungen zur Bearbeitung der Themen. Mit dem Koffer wurden in den Einrichtungen Rückmeldungen zu Inklusives Wien 2030 erarbeitet: im Team, in Gruppen oder im Einzelsetting. Rund 60 % der Einrichtungen haben Ergebnisse zurückgemeldet. Diese flossen direkt in die weiteren Schritte ein. -
Beteiligungscafés 1
In lockerer Atmosphäre diskutierten Teilnehmer*innen zu den verschiedenen Themen. Die Cafés waren bewusst offen gestaltet – mit Tischgruppen, Moderation und genug Zeit für Austausch. Menschen mit und ohne Behinderungen kamen miteinander ins Gespräch. -
Arbeitsgruppen
In mehreren Arbeitsgruppen wurden die Ideen anschließend von Menschen mit Behinderungen, Expert*innen und Organisationen zu konkreten Maßnahmen weiterentwickelt. Menschen mit Behinderungen konnten sich gemeinsam mit Unterstützungspersonen auf die AGs vorbereiten und wurden auch während der Sitzungen von diesen unterstützt. -
Runde Beteiligungscafés 2
Die erarbeiteten Maßnahmen wurden dann nochmals zur Diskussion gestellt. Das Feedback half, die Vorschläge weiter zu schärfen und praxisnäher zu machen.
Alle Formate griffen dabei ineinander und ermöglichten Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen sich zu beteiligen.
Barrierearme Rahmenbedingungen
Die Veranstaltungen fanden in gut erreichbaren, barrierefreien Räumen statt. Schon bei der Anmeldung wurde gezielt nach Unterstützungsbedarf gefragt – etwa nach Gebärdensprachdolmetsch oder Assistenz.
Besonderes Augenmerk lag auf leicht verständlicher Sprache. Kurze Sätze, aktive Formulierungen und die Erklärung von Fachbegriffen gehörten zum Standard. Dass das nicht nur für Menschen mit Lernschwierigkeiten wichtig ist, zeigt die PIAAC-Studie 2022/23: Rund 29 % der Erwachsenen in Österreich haben laut Statistik Austria Schwierigkeiten, komplexe Texte zu verstehen.
Auch Symbole und Piktogramme wurden eingesetzt, um die Inhalte zu verdeutlichen. Für die Arbeitsgruppen gab es gezielte Vorbereitungstermine für Menschen mit Behinderungen, um im Vorfeld über Inhalte und Thema zu informieren.
Inklusives Wien 2030 zeigt: Beteiligung wird inklusiv, wenn man sie bewusst so gestaltet. Es reicht nicht, einfach "alle" einzuladen. Es braucht Strukturen, Formate und die Haltung, dass Menschen mit Behinderungen etwas beitragen können und sollen.
Fazit
Inklusive Beteiligung passiert nicht von selbst. Sie braucht Planung, Vorbereitung und Offenheit. 100-prozentige Barrierefreiheit ist selten möglich – doch gerade deshalb ist es so wichtig, Barrieren von Anfang an mitzudenken und Unterstützungsbedarfe aktiv abzufragen. Das schafft Vertrauen und ermöglicht gemeinsame Lösungen.
Denn: Barrierefreiheit ist für rund 10% der Menschen unverzichtbar, für etwa 30–40% notwendig – und für 100% angenehm.
Das Wiener Demokratiejahr ist eine gute Gelegenheit, den Blick zu weiten: Nicht nur zu fragen, wer mitredet, sondern wer das eben nicht tut oder nicht kann und warum.