Gestalte Deine Stadt

 

Von Sylvia Kostnzer

Bedarf nach Freiräumen

 

Im Jahr 2018 ergab sich eine besondere Gelegenheit zur Mitwirkung. Die Lerngemeinschaft 15, eine öffentliche Gesamtschule die zur OVS Friedrichsplatz gehört, zog im Zuge einer Schulerweiterung in ein ehemaliges Bürogebäude der Post in der Gasgasse 6. Das neue Gebäude brachte viele Vorteile mit sich – nur eines fehlte völlig: ein Außenbereich für die Schüler*innen. Eigentlich war von öffentlicher Hand lediglich geplant, den Gehsteig vor der Schule zu verbreitern. Doch durch das Engagement von Eltern und Schulgemeinschaft entstand eine mutigere Idee: Warum nicht gleich die gesamte Straße vor der Schule sperren und sie als öffentlichen Schulhof nutzbar machen? Der Bedarf war groß, die Argumente überzeugend. So wurde der Antrag rasch im Bezirk beschlossen und Budgetmittel für die Umsetzung bereitgestellt.

Seitdem existiert ein großzügiger Schulhof im Freien, der die Lebensqualität der Schüler*innen und Pädagog*innen entscheidend verbessert hat. Allerdings blieben aufgrund des engen Zeitplans ein paar Dinge auf der Strecke: Die dunkel geteerte Asphaltfläche konnte damals nicht mitgestaltet werden, sodass sie bis heute wenig einladend wirkt.

Mit der Förderung im Rahmen des Demokratiejahrs 2025 ist es möglich endlich daran anzuknüpfen und diese Fläche in einen lebendigen, gestalteten Raum zu verwandeln. Das Projekt zeigt, wie Straßenräume in Wien neu gedacht werden können: weniger als reine Verkehrsflächen, sondern als lebendige Orte des Zusammenlebens. Und dass Umsetzung schnell gelingen kann, wenn viele Menschen im Bezirk davon profitieren und das Schulumfeld besser und sicherer wird.

Öffentlicher Raum gehört uns allen

 

Die Hauptzielgruppe sind die Schüler*innen der Lerngemeinschaft 15, die den Platz täglich nutzen. Doch der Raum soll bewusst offen gestaltet sein und auch für die Nachbarschaft zugänglich bleiben. Familien, Kinder aus der Umgebung und Passantinnen sollen von den neuen Angeboten profitieren. Gerade in dicht bebauten Stadtteilen sind frei zugängliche Spiel- und Bewegungsräume ein rares Gut. Mit der Umgestaltung möchten wir einen Mehrwert für alle schaffen – einen Platz, der über die Schulzeit hinaus wirkt und die Umgebung lebenswerter macht.

Mit dem Projekt Gestalte Deine Stadt wird die asphaltierte Fläche vor der Schule mittels einfacher Tactical-Urbanism-Maßnahmen in eine bunte, lebendige und multifunktionale Spielfläche verwandelt. Die Gestaltung soll nicht nur das Umfeld verschönern, sondern auch neue Nutzungen für unterschiedliche Altersgruppen ermöglichen: von Bewegungsangeboten über kreative Spielformen bis hin zur Vermittlung von Wissen mittels Infografiken und Maßstäben. Die Schule und der Schulvorplatz sollen Orte sein oder zu Orten werden, an denen sich Kinder und Jugendliche gerne aufhalten und mit dem sie sich identifizieren können – Orte, die Bewegung, Begegnung und Kreativität fördern. Deshalb sollten Kinder und Jugendliche "ihren" öffentlichen Raum unbedingt aktiv mitgestalten – denn öffentlicher Raum gehört uns allen.

Das Leben ist Ko-Kreation

 

Sylvia Kostenzer beschäftigt sich seit 2018 mit dem Schwerpunkt remake streets, also der kreativen Neugestaltung von Straßenräumen mittels großflächiger Bodengrafiken. Ihre Arbeit basiert auf partizipativer Gestaltung: Kinder und Jugendliche werden nicht nur gefragt, sondern aktiv einbezogen. Sie entwickeln Ideen, malen, entwerfen, testen und entscheiden mit. Das hat zwei Gründe: Zum einen sind sie die Hauptnutzerinnen solcher Räume – und damit die besten Expertinnen für Spiel, Bewegung und Kreativität. Zum anderen geht es mir um Empowerment. Wer schon früh erlebt, dass die eigene Meinung zählt und in der Stadtgestaltung sichtbar wird, entwickelt ein starkes Bewusstsein für Demokratie und Teilhabe.

Die Erfahrung zeigt, dass Kinder spielerische und gleichzeitig innovative Lösungen finden, auf die Erwachsene oft nicht kommen würden. Während viele Erwachsene verlernt haben, frei zu spielen, bringen Kinder diese Fähigkeit ganz selbstverständlich ein – und liefern damit wertvolle Impulse für die Stadtgestaltung. Die Stimmen der nächsten Generation sind nicht nur in der Stadtplanung wichtig. Politisches Handeln sollte geprägt sein von langfristigem Denken und Rücksicht auf nachfolgende Generationen – und zwar aller Lebewesen. Ein offener Blick aufs Leben Zeigt: Das ganze Leben ist ein ko-kreativer Prozess, bei dem die Bedürfnisse aller Beteiligten gehört und abgewogen werden müssen.

Tactical Urbanism fördern

 

Ein wichtiger Aspekt des Projekts ist, dass es über den konkreten Schulvorplatz hinausweist. Es geht um die Frage, wie wir Straßenräume in Wien grundsätzlich neu denken können. Der Ansatz des Tactical Urbanism – also der kostengünstigen, temporären und kreativen Umgestaltung von Freiräumen – ist inzwischen sogar Teil des Wiener Regierungsprogramms. Das Projekt versteht sich als ein Baustein in diesem größeren Zusammenhang: schon mit einfachen Mitteln können Räume entstehen, die Menschen zusammenbringen, Bewegung fördern und die Stadt lebenswerter machen.

Die Vision ist klar: weniger Asphaltwüsten, mehr Orte für Begegnung, Spiel und Kreativität. Und das nicht irgendwann, sondern jetzt – gemeinsam mit den Wiener*innen und mit geringen finanziellen Mitteln. Wer aktiv ist und sich mit seinem Umfeld identifiziert, achtet letztendlich auch besser auf den öffentlichen Raum. Es braucht in Zukunft mehr Menschen, die sich beteiligt fühlen. Die Stadt sind wir!

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